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Goblins gemeine Gaming-Glossen :: Die wohl beknackteste Story aller Zeiten

Goblins gemeine Gaming-Glossen


Die wohl beknackteste Story aller Zeiten




Immer diese Verräter
Die Anzahl der Computerspiele, die es mittlerweile gibt, ist unüberschaubar. Es ist davon auszugehen, dass – zählt man die von der Industrie liebevoll Casual Games genannten Billigspielchen mit – die magische Millionengrenze schon sehr lange überschritten wurde. Und fast genau so lange wie die Liste dieser Spiele, ist die Liste der schlechten Handlungen, die für sie geschrieben wurden. Wie oft durfte man bei der Rettung der Welt herausfinden, dass der getreue Kamerad, mit dem man Level für Level bestritten hat, ein Verräter ist? In wie vielen Fällen stellte sich in Spielen, in denen man an Gedächtnisverlust litt oder gar nicht erst wusste, wer man ist, am Ende heraus: Man ist selbst derjenige, den man jagt. Und natürlich: In wie vielen Tomb Raider teilen versuchen die Bösewichte eigentlich noch, die schönen Artefakte dazu zu missbrauchen, die Evolution zu beschleunigen (Teil 1, Teil 3, Teil 6, to be continued…), was Lara Croft beim dritten Mal dann interessanterweise selbst schon einfallslos findet und darüber einen ihrer berühmten One-Liner zum besten gibt. Es bleibt ja zu hoffen, dass der, inzwischen nicht mehr ganz so neue, neue Entwickler Crystal Dynamics nach der Entfernung sämtlichen Anspruchs aus den Rätseln ihres Erstlings-Grabräuber-Werks Legend auf solche Allüren arroganter Endgegner verzichten kann. Aber all das ist völlig harmlos gegen das schlimmste an Story, was ich wohl jemals in meinem Leben erlebt habe. Eine Story, die es schafft, wirklich alles in sich zu vereinen, worauf ich eigentlich doch lieber verzichtet hätte. Das dazugehörige Spiel hat natürlich auch einen Namen: Empire Earth.


Der Endsieg
Das mag den einen oder anderen jetzt verwundern. Schließlich ist Empire Earth doch eigentlich ein Spiel, das sich der Geschichte der Menschheit (Sprich: Europas) widmet und einen doch von einer mehr oder weniger (selten mehr, meistens weniger) historisch korrekten Mission zur nächsten geleitet. Doch all diese Leute vergessen: Das Spiel erhebt den Anspruch für sich, wirklich ALLES zu bieten, ergo auch die Zukunft. Und genau hier liegt der Hund begraben. Hat man sich nämlich durch die drei Feldzuge gekämpft, mit Alexander dem Großen in einer Stunde das persische Großreich erobert, in drei Einsätzen den gesamten Hundertjährigen Krieg für England durchgekaut und mit Deutschland zwei Weltkriege verloren (Aber was heißt hier eigentlich verloren, die Kampagne endet damit dass das Unternehmen Seelöwe, einen Plan England einzunehmen, ein voller Erfolg wird und Churchill seinen Kampf voller Blut, Schweiß und Tränen damit wohl vergessen kann. Sei es drum, die 1000jährige deutsche Geschichte bietet wohl ansonsten so wenig, da kann man halt nur den 2. Weltkrieg dran nehmen, der kommt in Spielen ja sonst so selten vor.) kommt sie: Die Kampagne der Zukunft. Nun ließen bereits die Darstellungen einiger historischer Figuren böses ahnen. Der Philosoph Aristoteles etwa war dem Spiel zu Folge ein Anhänger der Kriegskunst, der todbringende Kräuter auf seine Gegner warf. Alexander der Große hingegen ließ zwar in Wirklichkeit nach der Einnahme von Tyros alle Männer töten, wobei 2000 von ihnen gekreuzigt wurden, während Frauen und Kinder als Sklaven verkauft wurden (das wird im Spiel wohlweislich verschwiegen), in Empire Earth aber hat er große Probleme damit, einen Freund(?) hinzurichten, der sich am Ende als Verräter herausstellte (Womit bewiesen wäre, dass schlechte Computerspielgeschichten doch sehr oft reale Vorbilder haben).

Empire Earth erschien im Herbst 2001, die Storykonzepte entstanden also wohl vor dem 11. September, wodurch sich erklärt, dass mal wieder der alte Feind herhalten muss, der die Weltherrschaft an sich reißen will: Russland. Genauer, Grigor Stajanowitsch, der Held der Kampagne. Dieser stammt aus einfachen Verhältnissen, hat Kontakte zur Russenmafia und für diese auch schon einige Verbrechen begangen, wodurch er sich ein hohes Ansehen erarbeitet hat. Er hatte schon lange Pläne, die Führung über Russland zu übernehmen und mit seiner Uschie-Partei (Warum auch immer die so heißt) sollte ihm das auf legalem Wege durch Wahlen gelingen. Er verlor aber und versuchte es nun durch einen Staatsstreich, der leider ebenfalls scheiterte. Man kann es zusammenfassen, als Mischung aus den frühen Biografien Hitlers, Husseins und Jong-Ils oder die Dinge beim Namen nennen: 08/15-Diktator. Aber das sind wir ja gewohnt, die Story hält sich zunächst einmal in ihren Bahnen. Nach dem gescheiterten Putsch wird er natürlich von den Behörden verfolgt, entkommt ihnen aber in einem Kartoffellaster nach Wolgograd, das früher mal Stalingrad hieß. Diese Stadt hielt schon der Wehrmacht stand, warum sollte sie also nicht auch dem restlichen Russland trotzen können. Passenderweise wohnen hier nur Unterstützer Grigors und so kann er die Kontrolle übernehmen. Schließlich gelingt es ihm auf militärischem Wege doch, den Rest des großen Russlands zu besetzen. Wie auch immer ihm das gelungen sein soll, er muss ja zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen gewesen sein, aber wir reden hier ja auch von einem Spiel, in dem die ganze Wirtschaft mit fünf Rohstoffen funktioniert.


Grigor I und II
Da sich die Welt nicht von alleine erobert, versucht er jetzt in Westeuropa einzufallen. Das lässt sich dieses natürlich nicht so einfach bieten und entsendet Cyborg-Heere und Laserpanzer (wir befinden uns mittlerweile im Jahr 2035, wie der Missionsbeschreibung zu entnehmen ist). Das sorgt wohl auch dafür, dass man auf den Einsatz nuklearer Raketen oder die Hilfe Amerikas dankbar verzichtet. Wenn man im Gegensatz zu meinen Klassenkameraden in der Lage ist, diese Mission zu schaffen (es soll ja tatsächlich Leute geben, die zu etwas dermaßen einfachem nicht in der Lage sind), geht es aber erst so richtig los. Bot man uns zuvor eine leicht übertriebene Science-Fiction-Geschichte um den Aufstieg eines unsympathischen Diktators, der ganz nebenbei natürlich längst Umerziehungslager für Andersdenkende gebaut hat und als Gestapo-Verschnitt die Truppe der Schwarzhemden, die irgendwie an Jedi Ritter erinnern, aufgebaut, zeigen uns die Entwickler jetzt, was sie alles an Gruseligkeiten auf Lager haben. Denn leider konnte der liebe Grigor sein Lebenswerk, die Weltherrschaft, nicht vollenden. Die Besetzung Europas hat einige Jahrzehnte in Anspruch genommen und auch der Nahe Osten und Nordafrika haben sich wider Erwarten leider nicht so leicht erobern lassen, wie gedacht.

Und als er kam zu sterben, zählt er sein Städt’ und Reich… Der Diktator ist in die Jahre gekommen. Jetzt muss er natürlich einen Nachfolger ernennen und da hat er auch schon die passende Idee. Beim Sturm auf Europa traf er auf einen Wissenschaftler, der ihm einen Leibwächter gebaut hat. Einen etwa 50 m hohen, klobigen Cyborg. Genau dieser soll jetzt die Nachfolge antreten. Stajanowitsch ist sich natürlich der Engstirnigkeit seiner Untergebenen bewusst, die irgendwie ein Problem damit zu haben scheinen, einen Kampfroboter, der Raketen aus seinen Schultern schießt, als ihren Herrscher zu betrachten. Völlig unverständlich! Als sich die restliche Führungsebene erhebt, wird sie von ihm und seinem Lieblings-Robo zusammengeschossen, dabei kommt ihnen auch ein Leutnant mit dem einfallsreichen Namen Molotow zur Hilfe, der fortan Einsätze für Neu-Russland, wie das Land seit Grigors Machtübernahme übrigens heißt, bestreiten darf. Grigor ist das aber alles zu anstrengend, der Augenblick seines Triumphes über die Verräter ist der Augenblick seines Ablebens.


Peking in all seinem Glanze
Die nächste Reise geht nach China, wo man mit einem Cyborg-Heer und Molotow hinter den feindlichen Linien für Tod und Zerstörung sorgen darf. Grigor II., so will der metallene Herrscher genannt werden, ist auch dabei. Doch wer glaubt, dass den Entwicklern die Ideen für ihren Science-Fiction-Trash schon ausgegangen sind, irrt. Denn wenn nichts mehr anderes hilft, helfen nur noch Zeitreisen. Die Chinesen haben bereits im Herzen Pekings das entsprechende Gerät aufgestellt und fangen tatsächlich an, es zu aktivieren. Die Stadt, oder besser gesagt eine Ansammlung von eingemauerten Militärgebäuden, die im Spiel Peking heißt, wird besetzt und Molotow zerstört die Zeitmaschine, stiehlt aber gleichzeitig die Pläne für sie. Man weiß ja nie, wann man sie noch brauchen kann. Der Fuchs! Bei der Explosion bekommt er aber sehr viel Strahlung ab und stirbt eigentlich. Doch da er einem nach zwei Missionen ja schon so sehr ans Herz gewachsen ist und er für Neu-Russland ein so wertvoller Soldat ist, kann man ihn doch nicht einfach sterben lassen und so wird er mit allerlei Metall-Protesen wiederbelebt. China ist besetzt und jetzt fehlt doch eigentlich nur noch ein Gegner…

Richtig! Die USA! Mittlerweile im Jahr 2097 angekommen sind die Amerikaner aber nur noch ein Schatten ihrer selbst. Das haben sie laut dem Spiel aber nicht etwa selbst verursacht. Nein, das waren wir bösen Europäer, die wir unsere Schulden nicht zurückgezahlt haben, weil wir ja von Neu-Russland besetzt wurden. Kleine Frage, liebe amerikanische Entwickler: Wie viele Schulden haben die Vereinigten Staaten denn seit dem Beginn des Irak-Kriegs bei uns angehäuft? Egal, erstmal muss der halbsynthetische Molotow eine günstige Stelle zur Invasion finden. Die ist in Florida und da bietet es sich doch glatt an Kuba zu besetzen, ein enger Verbündeter der USA… im Jahre 2097. Doch, o Wunder, o Wunder: Dem armen Molotow kamen ja schon seit längerem Zweifel über das, was in seiner geliebten Heimat vor sich geht. Muss Russland wirklich die ganze Welt beherrschen? Handelt Grigor II. überhaupt noch im Interesse seines Volkes? Der Mech-Monarch befiehlt, dass die gesamte Bevölkerung Kubas zusammengetrieben und exekutiert werden soll, da sie nicht nützlich sein könne, aber natürlich auch nicht den Aufstand proben soll. Als Molotow auf der im Spiel komplett leer gefegten Insel, auf der sich auch bevor ich sie gestürmt habe, nie mehr als 50 Lebewesen aufhielten, zu bedenken gibt, dass das 18 Millionen Menschen seien, lässt es sich schon erahnen. Er sucht Zuflucht bei den Amerikanern unter der Führung einer gewissen Molly. Weil die USA nämlich in einem familienfreundlichen Spiel wie Empire Earth nicht erobert werden dürfen, haben sie auch schon eine Idee ausgeheckt. Die Zeitmaschinenpläne der Chinesen kann man ja ganz leicht selbst in die Tat umsetzen. Jetzt muss sie nur noch gebaut werden, die Zeitmaschine. Der beste Ort ist, welch Überraschung, Kuba, was den Russen jetzt wieder entrissen werden muss. Das gelingt und die Zeitmaschine kann gebaut werden. Es geht also zurück ins Jahr 2015, wo alles begann.


Einen schönen Menschen
entstellt nichts!
Hier gibt es gleich zwei schlechte Nachrichten: 1. Grigor hat seine Flucht im Kartoffellaster bereits erfolgreich angetreten, man kann ihn also nicht zur Rede stellen. 2. Grigor II., der freundliche Roboter, hat in der Zukunft die Zeitmaschine erobert, bevor sie zerstört werden konnte und ist jetzt ebenfalls in der Vergangenheit. Der schlimme Finger hat bei der Gelegenheit auch gleich eine ganze Menge neuer Technologien mitgenommen und damit natürlich eigentlich die goldene Regel der Zeitreise, nichts zu verändern, gnadenlos missachtet. Man darf nun also gegen einen technologisch völlig überlegenen Gegner kämpfen. Macht nichts, mit Spionen kann man die eine oder andere Waffe stibitzen und sie dann selbst produzieren. Und wie es sich für ein gutes Kampagnen-Spiel gehört: Mal gewinnt man, mal verlieren die anderen! Natürlich siegt man auch in dieser Schlacht, darf den lästigen Cyborg-Herrscher mit Waffengewalt zum Schweigen bringen und hat schließlich die Konfrontation mit dem menschlichen Grigor. Diesem wurde bereits von seinem Nachfolger alles erzählt, was passieren würde (Er glaubt natürlich alles, was ein großer Kampfroboter, der aus einem Zeitwirbel kommt, ihm so erzählt, sofort!) und wie es sich für einen richtigen James Bond-Schurken gehört, steht er selbstverständlich hinter alledem. Womit natürlich keine andere Wahl bleibt, als den guten Mann zu erschießen. Durch einen Zeitstrudel werden Molotow und Molly wieder in die Zukunft zurückgezogen und somit hat man es wieder einmal geschafft. Ja gut, ich habe mich nach dem Abschluss eines Spieles schon besser gefühlt und war nicht nur froh, dieses Gefühl, nicht zu glauben, was ich da schon seit einiger Zeit sehe und gleichzeitig irgendwie darüber lachen zu wollen, es aber nicht zu können, los zu sein. Aber, geschafft ist geschafft.

Dass diese Geschichte bei mir einen eher negativen Anklang findet, hat eigentlich zahlreiche Gründe. Zunächst einmal sei nämlich gesagt: Ich habe schon ähnlich verrückte Sachen im Fernsehen gesehen oder auch in anderen Spielen erleben dürfen. Ein gutes Beispiel ist hier wohl Yuris Rache, wo man per Zeitreise einen Menschen aufhalten muss, der mit großen Geräten (Den Psychodominatoren) die Gedanken aller Menschen auf der Erde kontrollieren will (Das mit der Gedankenkontrolle hat man sich bei Empire Earth übrigens für die Zukunftskampagne der Erweiterung Art of Conquest aufgehoben. Hier kämpft man dann mit der Vereinigten Föderation – doppelt gemoppelt hält bei Namen bekanntlich besser). Doch was Yuris Rache von Empire Earth unterscheidet: Das Spiel setzt völlig absichtlich auf ein völlig absurdes Szenario, das mit verrückten Charakteren erzählt wird. Um es kurz zu fassen: Der Wahnsinn hat Methode und das gibt man offen zu. Das macht das Spiel aus. Das sorgt dafür, dass das Spiel trotz oder gerade wegen seiner völlig abgedrehten und unglaubwürdigen Aufmachung von den Fans so geliebt wird. Empire Earth nimmt sich aber mit seiner Handlung auch noch vollkommen ernst und macht sich damit selbst irgendwie nur lächerlich.


Faszination Menüsprache
Es geht bereits in der Kampagnenbeschreibung los. Hier heißt es: „Nach dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre kämpfte das stolze Russland um einen Platz in der neuen Weltordnung. Nach 25 Jahren war jedoch immer noch kein nennenswerter Fortschritt zu verzeichnen. Jetzt verspricht ein weltgewandter junger Mann namens Grigor Iljanitsch Stajanowitsch, Russland wieder zu seinem angestammten Platz als mächtige und respektierte Nation zurückzubringen. Sein Herz glüht vor Ehrgeiz, das größte Imperium zu schaffen, das die Erde je gesehen hat.“ Ist diese Metapher im letzten Satz nicht niedlich? Sein Herz glüht vor Ehrgeiz! Damit ist natürlich noch lange nicht Schluss. Es geht weiter bei den Einweisungen in die Mission, die durch den gleichen Sprecher mit der gewaltigen, bedeutungsschwangeren Stimme erfolgen (wo haben sie den Kerl eigentlich aufgetrieben?), wie bei den historischen Einsätzen und genauso wie hier, lässt sich in den Missionsdetails mit einem Klick auf ein Buch-Symbol auch einiges mehr über den „historischen Hintergrund“ erfahren. Irgendwie, als wäre das, was hier passiert, eine total ernste Sache. Man hat sich an den eigenwilligen Grafikstil gewöhnt, zu dem der Gamestar seiner Zeit schrieb „Gewöhnungsbedürftiger 3D-Bastelbogen-Look mit kunterbunten Farben“. Man hat sich an das Synthesizer-Gedudel im Hintergrund gewöhnt, von dem man noch 3 Tage nach der letzten Sitzung Ohrwürmer hat. Irgendwie findet man das nach einiger Zeit sogar liebenswert. Man hat sich an alles gewöhnt, aber so langsam ist die Schwelle dessen, was man Toleranz nennen kann, erreicht.

Doch es geht weiter, so wollte man natürlich nicht einfach nur eine plumpe Science-Fiction-Erzählung machen. Nein, sie muss auch etwas aussagen! Das passiert, wenn der liebe Molotow sich etwa fragt, ob ein Land, das stark ist wirklich die ganze Welt beherrschen muss oder aber vor der letzten Mission die Frage aufkommt, ob man wirklich jemanden töten darf, der seine Verbrechen noch gar nicht begangen hat (weil man in die Vergangenheit gereist ist). Vor allem wenn man dann sieht, wie schnell Grigor dann am Ende dann eben erschossen wird, wirkt das ganze doch ein ganz klein wenig aufgesetzt und peinlich. Es ist ja nicht so, dass ich Trash grundsätzlich abgeneigt wäre, aber dafür muss er dann auch zugeben, dass er Trash ist. Es sollte nicht so getan werden, als wäre das ganze ein Spiel für Intellektuelle, denn auch für die hält man etwas parat. Eigentlich sollte China nämlich mit einer riesigen Armee gestürmt werden, doch das klappt nicht, weil es ein Patt gibt und die russischen Soldaten im chinesischen Winter erfrieren. Welch Ironie der Geschichte, auf die die Entwickler so stolz waren, dass sie uns gleich an selber Stelle darauf hinweisen mussten. Natürlich dürfen auch geschichtsphilosophische Ansätze nicht fehlen, wenn etwa Grigor (der Mensch) beim Sturm auf eine Rebellenbasis von diesen als Verräter beschimpft wird, zu bedenken gibt, dass die Gewinner in der Geschichte entscheiden, wer der Verräter ist und es außer Frage stünde, wer hier der Gewinner ist (Er).

Außerdem war dieser latente Patriotismus ebenfalls völlig unangebracht und wirkte auch etwas deplatziert in einem Spiel, in dem es allgemein um Kulturen geht. Warum darf Amerika nicht ebenfalls untergehen, wenn Europa und China schon herhalten mussten? Wieso darf man sich während man noch auf russischer Seite Kuba besetzt anhören „Ich bin Amerikanerin und wir lassen unsere kubanischen Freunde nicht im Stich!“? Warum muss eine Amerikanerin, die dann auch noch Molly heißt, an der Rettung der Menschheit beteiligt sein? Fragen, die dem aufgeklärten Spieler wohl nie beantwortet werden können. Die Krönung ist dann ja sowieso das Ende. Keine gute Geschichte ohne offenen Schluss und wenn dieser erzwungen sein muss. Wie gesagt, am Ende werden unsere beiden Freunde Molotow und Molly in den Zeitstrudel gezogen und stellen sich dabei die Frage, ob die Zukunft nun besser oder schlechter sei, nicht ohne angemessenen Pathos versteht sich: „Ich spüre… den Zeitstrudel… er zieht mich… zurück. Aber in welche Zukunft? Eine bessere oder schlechtere?“


Historisch akkurat:
Kleopatra
Aber nun ja, für die Erweiterungen und Nachfolger waren die Entwickler, die Stainless Steel Studios (Rostfreier Stahl???), dann nicht mehr zuständig, die hat das englische Unternehmen Mad Doc Software erfolgreich in den Sand gesetzt. Stattdessen entwickelte man zunächst Empires: Die Neuzeit, was im Prinzip baugleich war, aber eine engere Zeitspanne umfasst, die zum Glück die Zukunft nicht beinhaltet. Man bot jetzt frei erfundene, mit Pathos angereicherte und patriotische Geschichten realer Herrscher. Das Spiel floppte und so versuchte man es mit neuen Konzepten: Das nächste Projekt war Rise & Fall, was sich auf die Antike beschränkt und den so genannten Helden-Modus bietet. In diesem kann man die in einen Leinenbikini gekleidete Kleopatra selbst steuern und sie dazu bringen, mit ihrer Sichel bis an die Zähne bewaffnete römische Legionäre scharenweise ins Jenseits zu befördern, natürlich abermals vor einem leicht veränderten historischen Hintergrund. Der liebe Oktavian alias Augustus wollte Ägypten besetzten, doch das konnte die Süße nicht zulassen und bekämpft ihn daher zusammen mit ihrem Bruder Ptolemäus und Mark Antonius. Am Ende tötet sie Oktavian, kommt dabei aber selbst ums Leben und bekommt dafür aber von ihrem Bruder ein Denkmal gesetzt. Hier noch einmal, was wirklich geschah: Caesar verfolgte seinen eigentlichen Freund und ehemaligen Verbündeten Pompeius nach Ägypten, dieser wurde aber von Ptolemäus bereits umgebracht, in der Hoffnung, so Caesars Unterstützung im Kampf gegen Kleopatra zu gewinnen, mit der er sich auf militärischem Weg um den Thron stritt. Kleopatra verführte den guten Caesar aber, er schlug sich auf ihre Seite und Ptolemäus wurde hingerichtet. Der kann also eigentlich schon kann nicht mehr mit von der Partie sein. Als Caesar dann im Senat ermordet wurde, brauchte sie neue Verbündete. Einen solchen fand sie in Antonius, den sie ebenfalls verführte. Er verlor im Bürgerkrieg um das Erbe Caesars aber leider gegen Oktavian und brachte sich um. Letzteren versuchte sie nun auch noch zu vereinnahmen, was aber misslang, weil Oktavian/Augustus vermutlich homosexuell war. Sie brachte sich daraufhin um und Augustus war noch Jahre nach ihrem Tod Kaiser, pardon, Konsul auf Lebenszeit.

Um seltsame Verdrehungen vergangener und bierernst präsentierte Kuriositäten in komplett erfundenen Geschichten nie verlegen, konnten die Stainless Steel Studios ihr drittes Werk aber nie vollendeten. Kurz bevor Rise & Fall veröffentlicht werden sollte, wurde das Studio geschlossen und alle Mitarbeiter entlassen. Die Vollendung des Spiels übernahm Publisher Midway selbst und brachte den Titel übrigens ohne deutlichen Verweis auf seinen Ursprung, mit etlichen Monaten Verspätung raus. Der Titel scheiterte im Gegensatz zum Empire Earth kommerziell zumindest in Deutschland gnadenlos und war schon nach einiger Zeit zum Budget-Preis erhältlich. Und so beweist der Entwickler an sich selbst, was er uns in seinem ersten Spiel an mancher Stelle zu verheimlichen suchte: Jedes Imperium ist endlich.

Erstellt ... 30.10.2008
Autor ... Goblin2k3
Hits ... 179
Kommentare ... 2
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Flofler

#6511 · Flofler · 03.11.2008 23:04


netter artikel, aber ich fand die davor warn besser, freu mich trotzdem auf den nächsten^^

PillePalle26647

#6666 · PillePalle26647 · 11.12.2008 14:20


so wit hab ichs in der Kampagne nie geschafft weil mir das immer zu lange gedauert hat ^^




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