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Goblins gemeine Gaming-Glossen :: Keinen Schritt zurück! |
Goblins gemeine Gaming-Glossen
Keinen Schritt zurück!
Keinen Schritt zurückl „Keinen Schritt zurück!“ Dies war eine Parole der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. Gevatter Stalin persönlich hatte dies angeordnet und es hieß im Klartext, dass man jetzt immer weiter marschieren und niemals den Rückzug antreten würde, komme was wolle. Und das kam auch. Denn die Deutschen waren naturgemäß nicht der Meinung, den Krieg bereits verloren zu haben und hatten zudem wahnsinnige Angst vor „den Russen“ und waren Kriegsverbrechen auch ansonsten bekanntermaßen nicht abgeneigt. Die Haudrauf-Strategie brachte zwar letztlich den Erfolg im Großen Vaterländischen Krieg, dafür hatte die Sowjetunion dann aber auch mehr als 20 Millionen Tote zu beklagen, womit wir beim Punkt wären: Diese Lebensweisheit bringt zwar irgendwann vielleicht doch den gewünschten Erfolg, ist aber oft mit einem enormen Blutzoll behaftet. Dennoch gibt es eben immer wieder Leute, die an ihr festhalten, sie praktizieren und das vielleicht sogar ohne es zu merken. Und damit wäre eine hervorragende intellektuelle Einleitung geschrieben, mit der man wunderbar zum eigentlichen Thema überleiten kann.
Ihr kennt das doch sicher auch: Man hat stundenlang so schön gespielt und kam die ganze Zeit irgendwie immer weiter. Vielleicht gab es die ein oder andere Stelle, an der es mal etwas länger gedauert hat, aber das gehört ja dazu. Bis jetzt wurde unsere Sucht nach der körpereigenen Belohnungsdroge Dopamin zur Genüge gestillt und dementsprechend gut haben wir uns die ganze Zeit gefühlt. Doch jetzt hängt man fest! Nicht in dem Sinne, dass die Spielfigur, deren Geschicke man längt, sich irgendwo im Leveldesign verkeilt hat (ein Ärgernis, welches nun einmal nicht immer vermieden werden kann) oder dass man irgendein Rätsel nicht lösen könnte oder man nicht einmal weiß, wie man es angehen soll (Spiele mit so schweren Rätseln gibt es heutzutage sowieso nicht mehr). Nein! Vielmehr stirbt man tausend Tode, weil man mit der momentanen Gegnersituation schlichtweg überfordert ist. Man versucht es und versucht es, aber es klappt einfach nicht. Man versucht es auf eine andere Weise, man wechselt die Waffe, geht vorsichtiger vor oder versucht es gar mit einer anderen komplett neuen Strategie, aber nichts will funktionieren. Nun wäre es vielleicht klug, das Spiel einfach mal für ein paar Stunden oder bis zum nächsten Tag ruhen zu lassen, die Nerven liegen in der Regel ja so blank, dass man ohnehin nicht mehr in der Lage ist, das ganze wirklich mit Verstand anzugehen, aber „VERDAMMT NOCH MAL, ICH SCHAFFE DAS JETZT!!!“ Und das hat zur Folge, dass man die Stelle dann weiterhin wieder und wieder spielt und sie vielleicht schafft, vielleicht aber auch irgendwann so frustriert ist, dass der Tag im Grunde genommen gelaufen ist, man das Spiel abbricht und es eventuell für Tage und Wochen nicht anrührt. Man spielt weiter, aber warum eigentlich?
Erwiesenermaßen Unfair I: Der Aufzug Der erste Grund ist wohl das angegriffene männliche Ego (Ja, Zockerweibchen werden von mir grundsätzlich diskriminiert!). Denn es ist ja irgendwie wie im Straßenverkehr. Würde man die Leute fragen, wie sie sich selbst am Steuer einschätzen, würde man feststellen: Schlechte Autofahrer gibt es allem Anschein nach nicht. Wo aber kommen dann all diese Vollidioten her, die einem tagtäglich das Leben schwer machen? Existieren die etwa nur in der eigenen Fantasie oder sind die so drauf, wie durchtriebene Wesen eben drauf sind und kommen nur dann heraus, wenn man im Auto sitzt und sie einen kriegen können? Diese Frage wird man wohl nie eindeutig klären können! Das gleiche Spielchen kennen wir aber eben auch vom Counter-Strike-Server. Man stirbt nicht so oft, weil man so schlecht oder zumindest wesentlich schlechter als die anderen ist. Die anderen sind einfach nur verdammte Kacknubs, die mit unfairen Waffen kämpfen, die schon längst hätten verboten werden sollen (warum benutzen wir sie dann selbst ständig?), ganz fies rumcampen (auch etwas, was jeder Spieler wohl schon mal getan hat) oder, wenn einem sonst nichts mehr einfällt, eben Cheater sind und wenn ihnen das nicht nachweisen können, zeigt das doch nur, wie hinterlistig und gemein sie sind. Hexen vermochten sich im Mittelalter schließlich auch gut zu tarnen und ertranken dann auch noch, wenn man sie ins Wasser warf. Denn Hexen können ja bekanntlich nicht untergehen. Ist bei diesem kleinen Test eine Unschuldige gestorben, war das nicht weiter tragisch. Sie kam dafür in den Himmel und die Kirche bekam den Besitz der meist zuvor reichen Witwe, aber das ist nun wiederum ein völlig anderes Thema. Fakt ist: Schlechte Computerspieler gibt es nicht! Sie existieren nicht! Zumindest nicht, wenn man die Spieler selbst fragt. Von daher kann es doch auch nicht wahr sein, dass man diese Stelle jetzt nicht schafft. Das liegt vermutlich einfach daran, dass sie unfair schwer ist! So etwas Gemeines können die Programmierer doch gar nicht machen! Einen Gegner an einer solchen Stelle zu platzieren und überhaupt, warum liegen da so wenig Medipacks in der Gegend rum und allein diese Waffen, die man zur Auswahl hat! So einen unnützen Mist hat man ja wohl noch nie in der virtuellen Hand gehalten. Da würde man ja ohne Waffe mehr Schaden anrichten. Haben die Entwickler das eigentlich mal ausprobiert oder sind es leidenschaftliche Sadisten, die einfach mal Spaß daran hatten, uns an irgendeiner Stelle in den Wahnsinn zu treiben? Nun ja, Spiele werden heute ausführlich von vielen, vielen Leuten auf ihre Spielbarkeit getestet, es ist wohl schwer Vorstellbar, dass tausende von Beta-Testern mit einer unfair schweren Stelle keine Probleme hatten. Aber die haben halt keine Ahnung, so gut wie man selbst ist schließlich niemand im Computerspiele spielen! Die eigene Unfähigkeit einzugestehen wäre nur eines: Kolossale Selbstverleugnung. Man kämpft weiter und damit basta!
Diese Einstellung geht mitunter so weit, dass man Spiele, die man von vornherein nicht kann, eben nicht mag. Oder kennt ihr jemanden, der sagt: „Splinter Cell ist sicher ein tolles Spiel, aber ich bin einfach viel zu dumm zum schleichen.“ Nein! Ich meine: Allein schon Schleichen! Über so etwas können wir ja nur lachen. Schleichen! In richtigen Computerspielen wird scharf mit allem geschossen, was die Bleipumpen hergeben. Echte Männer kämpfen schließlich und verstecken sich nicht einfach. Splinter Cell ist erwiesenermaßen Schrott und nicht würdig, gespielt zu werden.
Erwiesenermaßen Unfair II: Der Baumstamm Oft ist es aber auch die schlichte Ausweglosigkeit, die uns in diese Situation führt. Es ist doch klar: Wir sind Computerspieler! Wir haben sonst nichts im Leben. Freunde! Wer braucht die schon? Schule! Versetzung gefährdet, soll mir das jetzt Angst einjagen? Freundin! Ach, der war gut! Und selbst wenn wir etwas anderes haben sollten, die Möglichkeit besteht ja zumindest, dann haben wir doch bevor wir uns dieses neue, hammergeile Stück Spielgeschichte zugelegt haben, vorgesorgt und alles von uns weg geschoben, uns unbeliebt gemacht und auch sonst keine Kosten und Mühen gescheut, um jetzt in Ruhe spielen zu können. Soll das alles umsonst gewesen sein? Nein! Wir spielen schließlich, um uns von der gar grausigen Monotonie des realen Lebens abzulenken, wir spielen, weil Computer spielen endlich etwas ist, das wir können. Damit können wir doch jetzt nicht so einfach aufhören. Denn die mühevoll verdrängten Unzulänglichkeiten in der virtuellen sind immer noch besser als die nicht verdrängbaren in der realen Welt. Die Eskapaden haben weiter zu gehen und das möglichst bis zum bitteren Ende.
Schlussendlich gäbe es natürlich die Möglichkeit, einen älteren Spielstand zu laden und zu versuchen, sich bessere Konditionen zu erspielen. Aber damit wären wir ja wieder beim eigentlichen Punkt. Es heißt doch „Keinen Schritt zurück“ und schließlich liefe das ebenfalls nur darauf hinaus, dass wir uns damit ja eingestehen würden, in unserer Unfehlbarkeit versagt zu haben und dass es möglich gewesen wäre, die vorherige Passage besser zu meistern, als es uns gelungen ist. Der springende Punkt ist: Immer den aktuellsten Spielstand zu verwenden ist Ehrensache. Profis wie wir benutzen, wenn überhaupt, sowieso nur die Quicksave-Taste, die nur einen Spielstand anlegt. Anderenfalls könnte ja noch jemand merken, wie oft wir gespeichert haben, wie peinlich.
Erwiesenermaßen Unfair III: Die Kommandomission Womit erwiesen wäre: Es gibt zwar vielleicht gute Gründe, nicht weiter zu spielen, aber noch viel mehr, es doch zu tun. Augen zu und durch. Fangt ihr dann eigentlich auch nach einiger Zeit des Dopamin-Entzugs an, euch merkwürdig zu verhalten? Dass man die halbe Nachbarschaft an seinen Ansichten teilhaben lässt, gehört zum guten Ton (Ich ließ es einmal bleiben, als plötzlich ein Schneeball durch das Fenster herein geflogen kam und fast meinen Bildschirm zerstört hätte), über solche Selbstverständlichkeiten reden wir hier gar nicht. Aber ich fluche ja nicht nur, ich fange auch an mit den Gegnern zu sprechen: „Leute, jetzt hört mal zu: Wir alle haben in diesem Spiel unsere Aufgabe zu erfüllen. Meine ist es, euch umzubringen, während es der einzige Zweck eurer Existenz ist, zu sterben. Wenn wir alle einfach nur das tun, wofür wir hier sind, kommen wir ganz schnell aus dieser Nummer heraus!“ Manchmal nervt mich die Tatsache, nach dem Neuladen schon wieder von der gleichen Stelle an spielen zu müssen, auch schlichtweg so sehr, dass ich drei Sekunden nach dem zehnten Quickload abspeichere, um nicht mehr von genau an dieser Stelle wieder beginnen zu müssen. Ja ich weiß, dass das neurotisch ist und ich stehe dazu. Und es gelingt mir schließlich doch immer wieder, die schier unlösbaren Abschnitte zu schaffen. Glücklich bin ich dadurch aber nicht, das einzige, was mir der späte Triumph entlocken kann, ist ein simples „Geht doch!“ Und dann passiert oft etwas Unglaubliches: Entweder direkt danach oder am Ende des Levels beende ich das Spiel. Dass man keinen Schritt zurück geht, bedeutet ja schließlich nicht, dass man nach einer fiesen Etappe nicht eine kleine Rast macht. Zu tun habe ich zwar nichts und ob der wilden, martialischen Ballerei kommt mir das Leben immer plötzlich sehr langsam vor, aber das macht ja nichts. Ist der Dämon überwunden, haben wir unsere Genialität einmal mehr unter Beweis gestellt und können die in den letzten Stunden schwer geschundene Maus (Nein, Gamer verwenden keine Gamepads zum spielen, liebe Konsoleros!) wieder ihrem eigentlichen Zwecke zu führen: Der Steuerung der grafischen Benutzeroberfläche eines Betriebssystems.
Wären wir aber beim Arbeiten oder gar in der Schule alle auch nur halb so hartnäckig und unerschütterlich, wenn irgendetwas nicht funktioniert oder wir etwas nicht schaffen, alle Gamer wären 1er-Schüler und der Standort Deutschland wäre gesichert. Blühende Landschaften! Aber dazu müssten Arbeit und Schule uns wohl auch erst einmal halb so gute Gründe liefern, weiterzumachen. Die Hoffnung etwa, dass uns, wenn wir eine schlimme Hürde überwunden haben, vielleicht eine wesentlich bessere Passage erwartet oder vielleicht eine hübsche Zwischensequenz. Denn genau das ist vielleicht der eigentliche Grund, dass wir weiterspielen. Wir wollen doch nur unterhalten werden und es kann doch nicht so schwer sein.
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#6231 · FoxHounder · 14.10.2008 01:01
Sehr schöner Artikel, hat viel Spaß gemacht den zu lesen ^^ Teilweise hab ich mich auch selbst wiedererkannt XD
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#6232 · Narthanael · 14.10.2008 01:45
Goblin, ich finds klasse. Der erste Artikel hat mir schon gefllen, aber das ist besser. Ich wills Abbonieren!!!!!!!!!!!!
Das mit unüberwindbar kenn ich...GTA:SA letzte Mission der eine verfi***e Raum, ich habs 20mal versucht. Als ichs dann geschafft hab (No cheats) hab ich mich echt gefreut! ("Dopamin ich bekomm es hier und da Dopamin!") Besonders die endsequenz von SA war ne Belohnung!
freu mich schon auf Teil 3 der GGGG
mfg
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#6233 · Kalle Bowo · 14.10.2008 02:07
Großartiger Artikel, Goblin :) hat echt Spass gemacht zu lesen.
PS: Der Screenshot von TD bringt mir echt wieder genau das Gefühl von damals zurück. Hatte diese eine Mission über 50x gespielt, bis ich sie geschafft hab .. ich habe sie gehasst. ^^
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#6234 · The_Secret_Hero · 14.10.2008 06:51
Kann mich Kalle nur anschließen was den Artikel angeht, das tollste is wen man dan stück für stück seine eigenen macken immermehr erkennt die man sonst nie gefunden hätte weil der stolz es nich zulässt ^.~
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#6235 · Tora-chan · 14.10.2008 08:38
*kichert* Wirklich lustig zu lesen, wobei ich nie ein Problem habe an irgendwelchen Stellen abzubrechen. Meist nach dem fünften Versucht *G*
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#6236 · M55_Sheridan · 14.10.2008 12:19
Wunderbar.
Ich musste mich vor lachen kugeln, weil ich mich des öfteren selber weidererkannt habe^^
Ich freue mich schon auf den nächsten Artikel xD
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#6515 · jarafi · 04.11.2008 19:17
Einfach Klasse geschrieben
Du glaubst gar net was ich alles so erkannt ahbe, wa sich auch mache xd einafch genial
[ 1x editiert, zuletzt 04.11.2008 20:04 ]
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